17.12.2013

Vorwort:

Als ich vor grauen Zeiten zum allerersten Mal zum Volkmanntreffen fuhr und einen Parkplatz möglichst in der Nähe des Tagungslokals suchte fielen mir viele Herren in leicht fortgeschrittenem Alter auf, die zu zweit oder zu dritt sich über geöffnete Kofferräume irgendwelcher PKWs der gehobenen Mittelklasse beugten. Da wußte ich: hier irgendwo muss das Nest sein. Diesen kleingewerblichen Geruch haben Sammlertreffen bis heute behalten. Intellektuell war das selten befriedigend. Umso faszinierter war ich inmitten netter, launiger Ankedoten auf einmal auf einen wirklich gehaltvollen Beitrag zu stoßen. Deshab habe ich mich auch gleich darum bemüht den Autor zu motivieren, den Vortrag zu verschriftlichen. Dafür danke ich Markus Voigt. Und ich möchte ihn auch, nachdem ich sein Einverständnis dafür habe, Jedem zugänglich machen, ihn zu popularisieren helfen. 

Genau genommen geht es nicht um die Demokratisierung des Teppichsammelns, denn in der Sammlerszene gibt es keine formalisierte und institutionalisierte Meinungsbildung. Der Autor meint eher, dass während eines nicht so langen Zeitfensters Mittelschichtler Teilhabe hatten. Sie konnten nicht etwa „nur“ 3-4 erstklassige Stücke erwerben, sondern sogar ganze Sammlungen anlegen. 

Ein wichtiger Punkt geht aber unter oder, genauer gesagt: er war gar nicht im Fokus des Vortragenden. Teppiche/Kelims sind angeblich anonyme „Volkskunst“. Das stimmt einfach nicht. Von ausgefeilten Werkstattarbeiten bis zu gelegentlichen Fingerübungen begabter dörflicher und nomadischer Weberinnen ist Alles dabei. „Anonym“ sind und waren sie niemals. Man könnte höchstens sagen dass die Menschen, die diese Artefakte letztlich erwarben, weit weg sind und sich für ihre Urheber nicht interessieren wollten oder konnten. Für die Menschen „vor Ort“, zu denen man immerhin seit Jahrzehnten leicht reisen kann (man muss sich aber auch mit ihnen verständigen können), waren solche Textilien immer mit den Namen und Persönlichkeiten ihrer Urheber verknüpft, mindestens über 2-3 Generationen. Wer denn wollte hätte fragen können. Oder es zumindest versuchen.

Obendrein ist diese Kunst nie in nennenswertem Umfang von einer vom Kunsthandel unabhängigen, mit wissenschaftlichen Standards arbeitenden interdisziplinären Forschung studiert und bewertet worden. Die im Text von Markus Voigt wunderbar besprochene Entwicklung, nach der auf einmal eben auch dörfliche Arbeiten von Mittelschichtangehörigen aufgesammelt wurden, bedeutete eben auch im Wortsinne Neuland, aber ohne klare Bewertungsstandards. Mit anderen Worten: Goldgräberstimmung. Mit dem Wermutstropfen: auch mit dem Risiko der Goldgräber! Sobald die „ursprüngliche Akkumulation“ beendet ist wird das Material auf den Tisch gelegt und klassifiziert, interpretiert - und bewertet! Von 10 vermeintlich frühen Kelims eines Typs werden 1-2 Spitzenstücke übrig bleiben, 2-3 mittlere Stücke und eben auch 5 nicht ganz so gute, 2. Reihe eben. Als sie gefunden wurden hatten aber alle den jeweiligen „Preis der Saison“ gekostet. Die Spitzenstücke behalten notwendigerweise ihren Wert, Vergleichbares gibt es nicht und wird wohl auch nicht später auftauchen, und der kann leicht deutlich über den damals gezahlten Beträgen liegen. Für den Rest gilt es nicht - sie verlieren beträchtlich. Das ist nicht unfair. Das ist Abenteuerkapitalismus - wie die nomadische Viehhaltung im Nahen Osten bis vor Kurzem (Einführung von Kühlhäusern) es auch war. 

Umso wichtiger ist es, sich gelegentlich anhand einer Übersicht zu vergewissern, was man eigentlich gemacht hat, wo man steht, wie dies einzuordnen ist. Das hat nach meinem Dafürhalten Markus Voigt beispielhaft mit diesem Text geleistet.

Michael Bischof

 

Markus Voigt, London   voigt.markus@googlemail.com

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Vortrag beim Volkmanntreffen in Berlin, Museum für Islamische Kunst, 29.10.2011

Von der Demokratisierung des Teppichsammeln

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Christian,


Wir feiern heute 40 Jahre Volkmannreffen aber auch 20 Jahre Volkmanntreffen unter Deiner Leitung. Dafür Danke und meinen höchsten Respekt.


Für mich markiert Dein erstes auch mein erstes Volkmanntreffen als Teilnehmer. Nachdem ich mich vorsichtig bei Dietmar Pelz erkundigte ob den da auch Laien zugelassen seien wurde mir freundlicherweise Einlass gewährt. Ich erinnere mich gut an einen Vortrag von Herrn Foitl aus Graz über Brettchengewebe. Das war der Moment wo ich zum ersten Mal begriffen habe wie diese hergestellt werden. In der Sammlung meines Vaters befanden sich zu der Zeit einige Exemplare einer seltenen Gruppe von Brettchengeweben mit Samt aus Buchara. Auf diese hinweisend konnte ich auch einen Kleinigkeit zu dem Treffen beitragen. Dieses kleine Beispiel zeigt warum diese wunderbaren Treffen so wichtig sind. Der Austausch von Informationen, das Kommunizieren, das Lernen und Sehen und natürlich auch das Miteinander unter Gleichgesinnten.


Teppichsammeln ist eine relativ junge Erscheinung. Die erste Gruppe von Käufern, die Teppiche nicht nur als Einrichtungsgegenstände erwarben, waren die Grossindustriellen die in der zweiten Hälfte des 19. Jhd. sich als die moderne Form der Aristokratie sahen und sich dementsprechend mit Kunstgegenständen jeglicher Art umgaben. Vanderbilt, Pierpont Morgan, Frick in Amerika und Krupp und Thyssen in Deutschland kauften von den sterbenden alten Adelshäusern in Europa Kunst und Antiquitäten in ungeheuerem Ausmass zusammen. Man muss allerdings davon ausgehen das diese Teppichkäufe eher der Abrundung der Sammlungen dienten und nicht eine eigentliche Teppichsammlung darstellten. Vieles von diesen Käufen wurde später den Amerikanischen Museen gestiftet und diese verdanken ihre qualitätvollen Sammlungen dem Zusammentreffen von schwachen europäischem Altadel und der Ansammlung von immensem Kapital in den Händen einiger weniger.


Diese Käufer waren sicherlich, je nach Interessenlage, informiert über Bedeutung und Kunsthistorischen Zusammenhang der Dinge die sie erwarben. Der Hauptaugenmerk ihres Interesse lag auf klassischen persischen Teppichen der Safavidenzeit und deren osmanischen Verwandten. Einem amerikanischen Eisenbaron war es sicher angenehm zu wissen das der reiche italienische Renaissancefürst und der wohlhabende holländische Patrizier dieselben Stücke schätzte die er nun erwerben konnte. Wenngleich auch der Händler Jacques Seligman zu dieser Zeit von seinen amerikanischen Kunden sagte das sie für vieles einen Sinn hätten ausser einem ästhetischen, muss man davon ausgehen das viele genau wussten was sie kauften oder zumindest gut beraten wurden.


Diese Squillionaires, wie sie gennant wurden, hatten unerhörte Geldmittel zur Verfügung und mussten aber auch ausgesprochen hohe Preise für diese klassischen Teppiche bezahlen. Also Preise in Millionenöhe in heutige Währung. Zum Verständnis der Materie werden sicherlich auch Museumsleute und Händler, welche zu dieser Zeit häufig überlappten, beigetragen haben. Die Bardinis und Bodes dieser Zeit wussten was gewünscht war und haben geliefert und im Gegenzug den Trend verstärkt. In aller Regel leben Sammler und Händler in einer symbiotischen Beziehung. Beide sind aufeinander angewiesen und es gelingt selten oder nie das ein Händler einen Sammeltrend aus der Luft kreiert oder ein Sammler eine bedeutende Sammlung ohne Zuhilfenahme von Händlern oder Auktionshäusern hätte aufbauen können.


Ein weiteres Phänomen der Zeit war das im Zuge von Orientbegeisterung, von Weltausstellungen, vermehrten Fernreisen und Einrichtungstrends Teppiche in jedem gehobenen Haushalt vorzufinden waren. Insbesondere auch in Künstlerateliers waren orientalische Textilien jeder Art zu finden. Michael Buddeberg hat in diesem Zusammenhang die Münchener Künstlerateliers beschrieben und die Beziehung von Matisse und Textilien war der Royal Academy of Arts in London vor einigen Jahren eine Sonderausstellung wert. Auch wenn die meisten Darstellungen dieser Zeit s/w Photographien sind, kann man doch sehen das es eine Mixtur von damals zeitgenössischen Produkten und älteren Textilien ist.


In Nord und Mitteleuropa waren in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg die Mittel vorhanden die den Erwerb von orientalischen Textilien ermöglichte. Allerdings war New York die Stadt in der Welt mit dem höchsten Einzelhandelsumsatz in der Welt. Thomas Farnham sieht in seiner Einleitung zu dem Buch 'Timbuktu to Tibet' diese Erscheinung beeinflusst durch die Immigration von 66 tausend Armeniern nach Amerika zwischen 1890 und 1914 allein. Auch in den 20er Jahren waren Teppiche in den USA begehrt und deren Auktionen in der Presse emphatisch besprochen.

In Deutschland hingegen war die Situation durch den verlorenen Krieg verschieden. Heinrich Jacobi beschreibt in seinem Buch 'Eine Sammlung Orientalischer Teppiche' von 1922 das die vorgelegte Sammlung eigentlich als Vorlage für quallitätvolle Zeitgenössische Produktion dienen sollte aber ein solches Unterfangen für die vorhersehbare Zukunft unmöglich erscheint. Interessanterweise wird hier schon der Verfall der Teppicherzeugung mit der Einführung der Kunstfarben beklagt.



Zusammenfassend kann man sagen das wir auf der einen Seite die Superreichen Kunstsammler habe die Kunstschätze aller Art anhäufen und auf der andern den informierten Laien der über die Ausstattung des Heimes hinaus sich Wissen über Teppiche aneignete. Mit dem Erstarken des Bürgertums und einer verstärkten Reisetätigkeit derselben, dem modischen Orientalismus gelangten viele Teppiche und Textilien in die gehobenen Bürgerhäuser Europas und Amerikas. Der englische Aristokrat der im 18. Jhd. Italien bereiste und Gemälde erwarb, wird abgelöst durch eine Ida Pfeiffer, einen Robert Martin oder eine Max von Oppenheim dem das Bankiersgeschaft seiner Familie nicht zusagte und als 'Amateur' den Tell Halaf ausgrub und das bis heute gültige Standardwerk 'Die Beduinen' verfasste.


In Amerika kam der Teppichboom mit der grossen Depression zum Stillstand. Nichtsdestowenigertrotz wurde in New York 1932 der erste Teppichclub der Welt, die 'Hadji Baba Society' gegründet. Vom Teppichhändler und Forscher Arthur Urban Dilley initiiert und von vier weiteren Gründungsmitgliedern begleitet war einer der Grundgedanken des Clubs das Wissen um den Orientteppich zu verbreitern und weiten Kreisen zugänglich zu machen. Einfach weil man irgendwo eine Grenze ziehen muss möchte ich diesen Zeitpunkt als den Anfang des Teppichsammelns so wie wir es heute kennen nennen. Den Übergang vom gebildeten bildungsbürgerlichen Universaldilettanten zum hochspeziallisierten, kenntnisreichen Teppichsammler. So wie die frühen Treffen der Hadjis in der Festschrift zum 75. Bestehen beschrieben sind ähneln sie der Beschreibung der ersten Volkmanntreffen oder des späteren Hammelessens der TKF, der Treffen des westfälischen Freundeskreises, der Norddeutschen Teppichfreunde, des Kümmererkreises und der Wackernagelrunde.


Zum Unterschied zu letzteren waren die Hadjis 'a man Club only' und erst in den 50er Jahren waren Frauen zugelassen. Auch wenn heutzutage viele Frauen aktiv an den Sammelaktivitäten ihrer Männer teilnehmen kenne ich nur wenige eigentliche weibliche Teppichsammler. Schon ein Jahr nach der Gründung des Hadji Baba Clubs stiess Joseph V. McMullen zu den Hadjis. Er und seine Mitstreiter erhoben zum ersten Mal die Kaukasischen, Turkmenische und Persischen Nomadenteppiche zum Sammlungsgegenstand. An dieser Stelle nochmals Thomas Farnham: In den 30er Jahren waren die Hadjis, zumindest in den USA, die einzigen die ernsthaft Teppiche des 19. Jhd. studierten. Das in einer Zeit wo nur Klassische Teppiche als Sammlungsgegenstand galten. Auf dem alten Kontinent war das nicht anders.


Konnte doch unser Freund Jan Timmerman berichten das als er als junger Mann in den 40er Jahren in Holland zu Sammlern vom Schlage de Aalderings stiess sein Interesse an Stücken des 19. Jhd. verpönt. In der Literatur waren diese Stücke natürlich schon erwähnt. Schon in dem Buch welches der Wiener Ausstellung folgte und im Jahre 1895 publiziert wurde: 'Die Teppicherzeugung im Orient' behandelt damals zeitgenössische Teppichproduktion. Die Ratgeberbücher für den interessierten Laien die kurze Zeit später folgten, wie etwa von Laura Bell Holt, Kendrick Tattersall und Grote Hasenbalg, beinhalten nomadisch, dörfliche Stücke des 19. Jhd. Holds Buch: 'Rugs Orientale and Occidental, Antique and Modern, von 1901 zeigte erstaunlicherweise sogar einen Gabbeh. Eine Teppichgruppe die erst in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wieder ins Gespräch kam.



Eine weitere Gattung von Teppichbüchern begann mit Amos Bateman Thatchers: Turcoman Rugs. Auch wenn ich Major Hartley Clarke etwas unrecht damit tue, dessen Bukhara rugs schon 1922 erschien und somit einen Monograph über nomadische Teppiche darstellte, war Thatcher ein Hadji und sein Buch im Namen des Clubs verlegt und markiert ein in der Folge immer grosser werdendes Repertoire von Teppichbüchern die sich mit dörflich nomadischen Stücken befasst. Nach dem Krieg gewann der Club viele Mitglieder und auch Frauen wurden zugelassen. Insbesondere durch das Mitglied Joe McMullen und die Ausstellungen seiner Sammlung gewann der Club Ansehen und Geltung. Das seine Sammlung Eingang in das Metropolitan Museum of Art fand kann man als Triumph der Nomadenteppiche bezeichnen die insbesondere in Amerika viele Beispiele folgen sollten.


Aber auch in Deutschland gelangte z.B die Sammlung Hubel in das Völkerkunde Museum in München. Der eigentliche Coup ist allerdings, wenn ich hier einmal den Advokatus Diaboli spielen darf, wenn Nomadenteppiche neben islamischer Hochkunst gezeigt werden. Vergleichbare Volkskunst aus europäischen Kulturen wird fein säuberlich von der Hochkunst getrennt, in Museen für Volkskunde aufbewahrt. Das Nomadische galt für die Nachkriegsgeneration als das Unverfälschte, Reine, Natürliche, Archaische, Einfache im Gegensatz zum Überladenen, Verfeinerten, Degenerierten. Abstraktion in der Kunst war in weiten Teilen der Gesellschaft völlig akzeptiert. Was vor einigen Jahren noch degenerierte Negerkunst war ist nun in Deutschland Teil der Bürgerlichen Wohnkultur.


Ethnographische Kunst ist der 'Dernier Crie' in den Apartments von Paris bis New York. Die westlichen Gesellschaften wurden offener, demokratischer und Wohlstand war für weite Gesellschaftsschichten erreichbar. In Deutschland war ein enormer Nachholbedarf nach Teppichen. Unzählige Teppichhäuser schossen aus dem Boden und Ausstellungseröffnungen wie z.B. bei Teppich Engelhart wurden von Tausenden besucht. Der Teppich war in der Mitte der Gesellschaft angekommen.


Selbstverständlich wurden dort hauptsächlich neue Teppiche verkauft aber fast zwangsläufig waren auch alte und antike Stücke darunter. Für diese gab es eine wachsende Gruppe von Liebhabern die tiefer in die Materie einzudringen suchten. Schürmanns Kaukasische Teppiche war sicherlich ein Meilenstein aber auch das Ulstern Teppichbuch oder Haacks Orientteppiche welches in der 9. Auflage von Volkmann überarbeitet werden sollte und spätere englischsprachige Publikationen wie from Bosporus to Samarkand oder Jenny Housego's Nomadic Rugs waren die Bücher mit denen die Sammler sich informierten. Die Schürmann, Volkmann, Exner Generation die den Krieg noch erlebt hatten, beschäftigten sich hauptsächlich mit Kaukasischen, Persischen und Anatolischen aber auch mit Westturkestanischen, Chinesischen Teppichen. Hauptaugenmerk war auf Klassifikation nach Gruppen, Provenienzen und Alter gerichtet.


Heute wissen wir das der nomadische Hintergrund vieler dieser Erzeugnisse zumindest zweifelhaft ist. Sicherlich aber ist die endlos wiederholte Formulierung: Nur für den Eigenbedarf hergestellt, falsch. Die Turkmenen exportierten im 19. Jhd. im grossen Umfang nach Russland was aus alten Handelsberichten zu ersehen ist aber die schönste Breitseite gegen die Eigenbedarfstheorie hat Raoul Tshebull bei der diesjährigen ICOC in Stockholm gliedert als er klarmachte das die Knüpfer der Unmenge von Ostkaukasischen Gebetsteppichen selber aus religiösen Gründen keine benutzten.


Die Nachkriegsgeneration war in einiger Hinsicht von der Schürmangeneration verschieden. Sie erlebte die Studentenrevolten als junger Mensch, sie reiste auf dem Hippietrek nach Indien und stoppte dabei in Istanbul, Theran und Kabul, hatte unter Umständen Drogenerfahrung und war generell weniger an traditionellen Kirchen interessiert sondern öffnete sich verschiedenen meist östlichen Philosophien. Sollte es noch keine Untersuchung darüber geben ob oder inwieweit Drogenerfahrung weiter Bevölkerungskreise in den letzten 50 Jahren Kunstrezeption beeinflusst hat, fände ich das ein spannender Unterfangen. Nicht wenige spätere Sammler und Händler die durch die 'Indien auf dem Landwege' Selbstfindungsreise in direkten Kontakt mit Teppichen aber auch verstärkt mit anderen Textilien, Taschen, Sumacks und nicht zuletzt mit dem Kelim.


Wer nicht reiste konnte sich aber darauf verlassen das er in westlichen Geschäften zwischen Räucherstäbchen und Patschuliduft, Seidensarongs und exotischen Lebensmitteln auch ein paar Belutschen finden konnte. Man konnte diese Zeit einen zweiten Orientalismus nennen wenn sie nicht auch die Südostasiatischen Länder umfassen würde. Türkeireisen waren, von den Gefahren des Autoputs abgesehen, einfach zu bewerkstelligen aber immer noch exotisch und abenteuerlich genug um jedes Jahr erneut im klapperigen VW Bus abgelegene Gegenden in Anatolien aufzusuchen. Der sozio-ökonomische Hintergrund dieser Generation war so klar umrissen das wenn jemand in dieser Zeit vom 'Teppichtaschentyp' sprach jedermann wusste welche Sorte von Personen gemeint war.


Als diese Generation das Studium abschloss, einen Beruf ergriff, eine Familie gründete und das Haus einrichtete war es für viele selbstverständlich orientalische Teppiche und Textilien zu wählen. Zur gleichen Zeit kamen mehr Bücher, mehr Ausstellungen, die ersten Teppichkreise, die erste ICOC, die Gründung von Hali und auch sehr viel mehr alte Ware auf den Markt. Sammlungen von ungeheueren Ausmassen und bisher nicht gekannter Qualität wurden zusammengetragen. Mit Hilfe von Händlern wie Eberhard Herrmann, dessen jährlichen Kataloge heisserwartete Meilensteine der Teppichliteratur wurden und die gesamte Glanzzeit der Teppichsammelei umfasste, begann eine Geschmacks und Qualitatsbildung der Sammler die es so zuvor noch nicht gegeben hatte.


Die Textura wurde gegründet und war in der Lage über viele Jahre in Maastricht Meisterwerke der Textilkunst zu zeigen. Kirchheims Publizierung seiner 'Orient Stars' markierte einen Höhepunkt dieser Entwicklung. Als in den 80er Jahren die sehr alten Kelim aus den anatolischen Moscheen kamen, fanden sie im Westen ein perfekt vorbereitetes Publikum vor. Gebildete Sammler auf der Höhe ihres Berufslebens, mit dem Sinn für die Moderne, Farbe, Minimalismus, Fragmente aber auch für ungegenständliche Werte wie Theorien über Muttergottheiten und das wir es mit einer Frauenkunst zu tun haben. Die Gabe der McCoy Jones Sammlung in das DeYoung Museum in San Francisco war der deren Abschluss. Das esoterische Ansichten uber Teppiche von der Westküste der USA, aus Kalifornien kommen ist wahrscheinlich so wenig verwunderlich wie das das Knoetchenzaehlen zur exakten Wissenschaft erhoben typisch Deutsch erscheint. Beides ist wichtig und für Beides ist in unseren grossen Teppichfamilie Platz.


Denn das ist es was wir sind, eine Familie, vereint über ein gemeinsames Interesse und mit einem grösstenteils verwandten kulturellen Hintergrund. Wir kennen uns über viele Jahre, haben zusammen gesehen, gelernt, diskutiert, sind zusammen gereist und gespeist. Zu weilen auch gestritten wie in jeder guten Familie. Einen essentiellen Bestandteil einer Familie allerdings fehlt und das ist der Nachwuchs.


Risse im Gebälk sind schon in den 90er Jahren sichtbar. Patrick Ampe stirbt bei einem Autounfall. Sein tragischer Tod, wenngleich nicht auslösend, markiert für mich den Zeitpunkt vom Beginn des Endes des Sammelzeitalters. Die Textura verliert einige weitere Mitglieder und stirbt schliesslich ganz. Der Mangel an Sammlernachwuchs wird bemerkbar. Der Nachschub an qualitätvoller Ware zu erschwinglichen Preisen nimmt ab. Einst sehr aktive Sammler erreichen einen Sättigungsgrad. Herrmann erlebt einen öffentlichen Nervenzusammenbruch in der R&B Auktion, dessen Nachwehen dem Markt noch für Jahre zu schaffen machen.


Die 'Oriental Rug Review' wird eingestellt. Hali verliert über 30% ihrer Subskribenten vom Höhepunkt in den frühen 90er Jahren. Wir erleben eine Stagnation in den traditionellen Sammelgebieten aber auch ein erstarkendes Interesse an Textilien und die Entdeckung von Marokko und Tibet als Teppichgebiete. In den folgenden Jahren stellen viele traditionelle Händler ihr Geschäft ein oder verlegen sich auf Neuware. Gestern Abend wurde hier in Berlin eine weitere Gallery für moderne Teppiche eröffnet. Produzenten von modernen Designerteppichen wie Jan Kath eilen von Erfolg zu Erfolg. Diese Teppiche sind oft vom Quadratmeter preis her teurer als antike Teppiche und Kelim. Viele Sammlerkreise für antike Teppiche haben ihre Tätigkeit eingestellt, die letzte ACOR wurde mangels Beteiligung abgesagt und die diesjährige ICOC hatte Mühe die Reihen zu füllen.


Orientbegeisterung ist durch Islamophobie abgelöst. Mancher von Ihnen kennt vielleicht meine Karte die ein Araberkopf ziert. Eine Dame der Gesellschaft in New York beschied mir vor einigen Jahren das man so etwas nicht mehr haben könne. Reisen nach Indien sind unmöglich geworden. Auf dem Landwege dorthin liegen ein halbes Dutzend Kriegsgebiete.


Die Zukunft. Über die Zukunft ist das einzige was man mit Sicherheit sagen kann das sie Überraschungen bringen wird. Nichtsdestowenigertrotz können wir versuchen mit den Daten die wir soweit haben etwas zu extrapolieren. Eine Konstante haben wir und das sind die Superreichen. 'The gilded Age' in Amerika brachte sie hervor (Mark Twain als einer der Autoren des Begriffs spricht hier sicherlich nicht umsonst von 'vergoldet' und nicht wirklich golden), sowie der Casinokapitalismus amerikanischer Prägung heutzutage. Das heisst wir hatten und haben Sammler von Spitzenstucken. Nicht nur in den westlichen Ländern sondern rasant zunehmend in den Golfstaaten, in Indien und China. Für andere Antiquitäten auch Russland und Lateinamerika.


Unsere Variable ist die Mittelklasse. Im Westen war das Erstarkende Bildungsbürgertum des Ausgehenden 19. Jhd. bis zum 1. Weltkrieg in der finanziellen Lage sich mit Dingen des Orients zu umgeben aber auch die Musse sich Kennerschaft darüber anzueignen. Aus diesem relativ grossen Pool traten dann fast zwangsläufig Sammlerpersönlichkeiten hervor die Connaisseurship dann weit über das Steckenpferd hinaustrieben. Die Weltkriege und die Depressionszeit brachten diese Entwicklung in verschiedenem Ausmass zum Stillstand um nach dem 2. Weltkrieg umso Machtvoller aufzuwachen. Wohl zu keiner Zeit in der Weltgeschichte war Wohlstand so weit in der Gesellschaft aufgefächert als für die Nachkriegsgeneration in der westlichen Welt.


Wieder war genug Finanzkraft und Zeit vorhanden um grössere Ressourcen in Sammelaktivitäten zu stecken. Nun ist die Mittelklasse aber seit 20/25 Jahren zunehmend unter Druck. Grosse Teile der Mittelklasse sind heute einkommensmässig eigentlich als Arbeiterklasse zu bezeichnen.


Gesamtgesellschaftlich gesehen wird Kapital in die Hände einiger wenige umverteilt. Darüber hinaus sind die Zeitressourcen stark umkämpft und von anderen, vielfältigen Angeboten überlagert. Die 30- bis 45-jährigen die ich kenne haben völlig andere Interessen und das ist nicht nur eine Modeerscheinung. Vor vielen Jahren schon sagte Michael Franses zu mir 'Connaisseurship died out'. Ich glaube das ist ein wesentlicher Grund warum es keinen Sammlernachwuchs gibt.


Um einen guten von einem schlechten Teppich unterscheiden zu können braucht es eine gute Weile und einen Grossartigen von einem Guten drei mal so lange. Diese Zeit ist nicht vorhanden. Gekauft wird wo Damian Hirst darauf steht, selbst wenn es Kunststudentensklavenarbeit ist, sich vielleicht teurer wiederverkaufen lässt, mein gutverdienender Kollege hat mir Prestige verschafft und ich habe soeben meinen Bonus in der City von London bekommen.


In den letzten Jahren haben viele Sammler, aus verschiedenen Gründen ihre Sammeltätigkeit eingestellt oder zumindest reduziert, viele Galerien haben geschlossen, Preise verfallen für viele traditionelle Sammelbereiche und etliche der genannten Sammlerkreise eingeschlafen. Da so viele der dargestellten Voraussetzungen für den Sammlungsboom der Nachkriegszeit fehlen halte ich es für möglich das wir in einigen hundert Jahren von wenigen Speziallisten für das goldenen Zeitalter des Sammelns als Blase in der Kunstgeschichte studiert werden.


Ob die neuen Ökonomien China, Indien, Brasilien und Russland eine breite Mittelschicht ausbilden vermag ich nicht zu sagen aber es erscheint zumindest zweifelhaft. Die Zeichen der Zeit stehen eher auf Kapitalkonzentration in den Händen einer kleinen Oberschicht.


Die Hände von Christian und Dietlinde ruhen nicht, der Volkmannkreis ist nicht eingeschlafen und ich sehe uns auch das 50 jährige Vokmanntreffen feiern. In diesem Sinne danke ich Ihnen.



Markus Voigt