13.2.2013, Michael Bischof

Warum Färbungen sehen lernen?

Für Menschen, die sich mit frühen Teppichen und Kelims beschäftigen, ist deren richtige Datierung eines der wichtigsten alltagspraktischen Probleme. Zumal im Handel und in Sammlerkreisen diese weniger nach ihrer vermeintlichen Qualität beurteilt werden, eher nach den qualitätsneutralen Aspekten Rarität und Alter.

Herangehensweisen, die aus der Forschung an ungleich wertvolleren europäischen Gemälden bekannt nicht mehr wegzudenken sind, kommen in der Textilkunstforschung noch nicht vor. Es wird höchste Zeit.

Ein Kunsthistoriker, interessiert an Alten Meistern, mit Schwerpunkt auf der holländischen Schule des 17. Jhdt., sieht sich solche Bilder natürlich bei jeder Möglichkeit im Original an. Bei einem solchen Gemälde, das ihm in einem kunstwissenschaftlichen Forschungsinstitut als private Einlieferung zur Echtheitsbestimmung gezeigt wurde und das dem 17. Jahrhundert zugewiesen wurde, hatte er das Gefühl, dass dieses Bild eine spätere Replik wäre, also nicht aus dem 17. Jhdt. stammen könne. Dieses Gefühl freilich wurde von den Restauratoren und Kunsttechnologen dort als kennerschaftliches Urteil nicht geteilt.

Einige Zeit später erfuhr er dann, dass man eine winzige Probe der blauen Farbe diesem Bild entnommen und analysiert hatte.
Der Befund: es war Preußisch-Blau (1708 zum ersten Mal schriftlich erwähnt), das so in der Natur nicht vorkommt (s. Anm. 1). Deshalb war das 
Gefühl des Kunsthistorikers richtig. Dieses Bild konnte unmöglich aus dem 17. Jahrhundert stammen. Später dann wurde erkannt, dass es sich um eine Kopie nach einem Werk von Frans van Mieris d.Ä. von ca. 1660 in der Eremitage handelte.

Mit anderen Worten: die einzelnen Farben (Pigmente) haben genauso ein wieder erkennbares
 
Gesicht wie ein Bild als ganzes, dessen Beurteilung und Zuordnung nach anderen, eigenen Kriterien erfolgt.

Anmerkungen:

  1. Um ganz genau zu sein: selbstredend kann sich ein solches Pigment auch unter speziellen Bedingungen in der Natur bilden. Das kann im Grenzbereich anorganisch/organisch der Fall sein (Vivianit), oder durch Einwirkungen auf Teile von (anorganischem) mineralischem Material (Anierit). Die Frage bleibt dann, ob dieses theoretisch mögliche Material historisch auch wirklich benutzt wurde. - Die Frage kann ich gerne bei Bedarf vertiefen. - M.B., 28.8.2013
  2. Ein Beispiel aus der Praxis. Bei Rippon & Boswell wurde am 29.11.2013 ein sogenannter Tuduc-Teppich versteigert, dessen Muster dem eines westanatolischen „Lotto“-Teppichs verblüffend ähnlich ist. Angeblich hätten jahrzehntelang selbst Experten Probleme mit dem Erkennen solcher Tuduc-Fälschungen gehabt. Wer sich darauf einläßt Farben sehen/erkennen zu können wird vor diesem „Problem“ fassungslos davor stehen. Auf den allerersten Blick erkennt man, dass die Farbigkeit des Stücks (synthetische Färbungen der 30er Jahre des 20. Jhdt.) überhaupt nichts mit den Farblacken und Indigotönen von „Lotto“-Teppichen zu tun haben. Die Diagnose lautet also nach wenigen Sekunden: irgendein Teppich im  „Lotto“-Stil. Wo gemacht? Wie alt? Fragen, nur Fragen, die offen bleiben. Aber ein „Lotto“-Teppich ist es nicht. 




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