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22.11.2013, Michael Bischof



                                            Alizarinproduktion

                            Menge                        Preis
              (100%ige Ware in 1000 kg)        (Mark pro kg)

1869                                                         270,-
1871                            15                         140,-
1873                          100                         120,-
1878                          750                          23,-
1884                        1350                          12,50
1913                        2000                           1,78
1924                        1120                           1,15

Quelle

(Der nachfolgende Text war digitalisiert und danach per OCR-Verfahren in eine Textform gebracht worden. Dabei gab es zahlreiche Formatierungsfehler, die ich, M.B., händisch auszugleichen versucht habe. Hervorhebungen alle von mir, M.B.)

Auszug aus einem Text von 1892

Während ein Theil der hier zu Markte gebrachten Wollen in der Teppicbfabrication Verwendung findet, wird ein anderer Theil derselben, und zwar meist ungewaschen, nach Nordamerika exportirt, um dort der Fabrication von Decken, Teppichen und groben Tuchen zu dienen. Diese Schafwolle ist struppig, langhaarig und ungemein stark, weshalb sie sich für die Teppichindustrie als besonders geeignet erweist. Sie wird im rohen Zustande dem Markte von Uschak zugeführt, aufgekauft, dort gereinigt und gewaschen und schliesslich zu Fäden versponnen.
 
Gut gereinigte Wolle in Fäden wird allenthalben per Okka zu 200 Dramm zum gleichen Preise verkauft wie Rohwolle per Okka zu 400 Dramm.') Diese Preiserhöhung deckt die Arbeitskosten sowie den beim Reinigen und Waschen eintretenden Gewichtsverlust, welcher zwischen 45 und 50 Percent beträgt.
 
 Das Waschen wird nur in fliessendem Wasser, und zwar am besten in jenem vorgenommen, welches aus Quellen vulcanischer Gebirge wie sich solche namentlich in dem Westen gegen Kula hin vorlinden, entspringt und sich durch Weichheit und Wärme auszeichnet. Das Reinigen und Waschen geschieht auf ungemein sorgfältige Art und wird zumeist von den Bewohnern der Uschak zunächstliegenden Dorfschaften besorgt, welche in dieser Arbeit einen Nebenerwerb finden.
 
Nachdem man zuerst die fremden Körper aus der Wolle entfernt und diese namentlich von erdigen und Ptlanzenbestandtheilen befreit, folgt das Waschen und Trocknen der Wolle, worauf dieselbe auseinandergezogen und sortirt wird. Nach dem Sortiren wird die zweite, und zwar die Hauptreinigung ins Werk gesetzt, mit welcher man gleichzeitig den Zweck verbindet, meist gleichmässige Flechten herzustellen. Hiezu gebraucht der KIeinasiate eine höchst primitive und doch praktische Vorrichtung : einen Block oder ein starkes Brett, welches enge aneinanderliegende, vertical eingeschlagene Nägel in gleichmässigen Reihen trägt. Durch dieses wird die Wollmasse mehrmals durchgezogen, um alsdann in der Form von Strähnen ihrer weiteren Bestimmung zugeführt zu werden.
 
Die fernere Bearbeitung, das Spinnen zu Fäden, gleicht unserer Seilerei. Nur in einzelnen Fällen tritt an die Stelle des Rades eine kreiselartige Spindel, welche gleich falls durch spielende Handbewegungen die Wollfäden herstellt.
 
Die Gespinnste sind einfache , starke sowie auch doppelfädige Garne. Die ersteren werden für den Einschuss in die Gewebe, die letzteren zurTeppichknüpferei verwendet. Die Wolle für dieKette ist von weit kräftigerer Beschaffenheit und stärker gedreht, um einer kräftigeren Spannung zu genügen.
 
 Vor einiger Zeit haben sich hier zwei Capitalisten zusammengefunden, um eine mechanische Wollspinnerei für die Teppichfabrication in Uschak zu errichten. Die Regierung hat indess, in Folge massenhaft seitens der Bevölkerung an sie gelangter Proteste, dem Unternehmen ihre Bewilligung versagt.
 
Nachdem der Einkauf von Wollfäden, deren Zurechtmachen und Färben nur selten von den Besitzern der Werkstätten besorgt werden kann, fällt all dies zumeist den Bestellern der Teppiche (Factoren der Teppichhändler und Exporteure in Smyrna) zu, welche den Kostenpreis der gelieferten gefärbten Wolle von dem Betrage für die gelieferten Teppiche in Abrechnung bringen.
 
Das Färben der zur Teppicherzeugung verwendeten Wolle und der Haare, von welchen jene der Angoraziege (Mohairwolle) eine besondere Verwendung finden, erfolgt stets in Garnform, nie in loser Faser oder im „Stücke".
Der Hauptsitz der Garnfärbereien ist die östlich von Smyrna gelegene, zum Regierungsbezirke Brussa gehörende Stadt Uschak, woselbst sich etwa acht grössere Färbereien befinden, welche unausgesetzt beschäftigt sind. Ausserdem existiren nennenswerthe Färbereien in Kula, Gördis (Gyordes), und in neuerer Zeit hat mit der Einführung der Tepicherzeugung in Akhissar und Demirdschi (Demirdji) auch die Färberei dort einen gewissen Aufschwung genommen. So alt wie die Hausindustrie der Teppichweberei ist auch jene der Färberei. Letztere beschränkte sich in früherer Zeit auf die Anwendung nur weniger Farbstoffe, deren Färbungen als besonders licht und luftecht bekannt waren. Als Beizen waren ausschliesslich Alaun und Vitriol (Eisenvitriol) in Anwendung.
 
Roth, in den verschiedensten Nuancen und Tönen, wurde nur mit Krapp (Färberrothe) erzeugt. Ferner fanden Curcuma (die Wurzel der Curcuraa longa) und Kreuzbeeren (die Früchte von Rhamnus tinctoria) sowie manche gerbstoffreiche Droguen, insbesondere die Früchte der Ziegenbarteiche (Quercus Aegilops) und weisse Galläpfel Verwendung. Später kam die Anwendung des Indigo hinzu, welcher als lndigocarmin (Indigosulfonsäuren) zu Mischfarben dient. Die Cochenille trat erst im Jahre 1840 als Concurrent des Krapprothes auf, und hat sich das Cochenilleroth, speciell durch die Bemühungen Stefan Alex de Andria's, allgemein eingebürgert. Die Theerfarbenindustrie Deutschlands und Frankreichs blieb nicht ohne Einfluss auf Kleinasiens Teppicherzeugung ; durch Agenten wurden die leicht anzuwendenden Farbstoffe in den obgenannten Städten bekannt, und bald war die Anwendung von Fuchsin, Orange, Rocelline u. a. eine derart allgemeine, dass von Seite der Regierung in Smyrna ein Verbot gegen die Benützung dieser Farbstoffe erlassen wurde. Die Färbeien in Uschak sind durch diese Maassregel nicht tangirt worden, da sie dem Gouvernement in Brussa unterstehen, welches eine solche Einschränkung nicht für noth wendig erachtete. DieTheerfarben erfreuen sich demnach heute einer ziemlichen Verwendung, sie werden aus Deutschland und F'rankreich bezogen.
 
Zumeist benützt man diese Farbstoffe als Zusätze zu den „Grundfarben " , um dieFarbe lebhafter, feuriger zu machen, man hat aber auch schon gelernt, ohne die „Grundfarben" dieselben zu verwenden, ohne dabei auf die grössere oder geringere Luft- und Lichtechtheit besonders Rücksicht zu nehmen, ein Umstand, welcher der alten, renommirlen Industrie keineswegs zum Vortheile gereicht. Bemerkt sei hier, dass die Färbereien Theerfarben nicht nur aus dem Grunde verwenden, weil derart die Manipulationen des Färbens vereinfacht werden, es liegt hier noch ein anderes Moment vor, welches die Benützung der abendländischen Producte fordert: der moderne Geschmack.
 
Man begnügt sich nicht mehr mit den alten, einfachen Mustern, zu deren Erzeugung die längst bekannten Farben vollständig ausreichten; man verlangt complicirtere Dessins, reicheren Farbenwechsel, brillante Nuancen, und das ist nur mit Hilfe der künstlich erzeugten organischen Farben zu erreichen. Es steht aber zu erwarten, dass, sowie die ersten Producte der Theerfarbenindustrie in Kleinasien Eingang gefunden haben, allmälig auch jene Farbstoffe sich einbürgern werden, deren Licht- und Luftechtheit gegenüber den sogenannten natürlichen Farbstoffen in keiner Weise zurückbleiben, ja manchen echten Farbstoff der früheren Zeit übertreffen. Wir weisen ebenfalls nur auf die unter dem Namen „Alizarinfarben" zusammengefassten Producte der modernen Theerfarbenindustrie hin, deren Anwendung auf mit Chromhydroxyd gebeizter Wolle für die europäische Teppichfabrication von grösster Bedeutung geworden ist. Diese naturgemässen Wandlungen, deren sich in Beziehung auf Industrie auch der Orient nicht zu verschliessen vermag, vollziehen sich hier viel schwerfälliger, weil die Empirie, die stets an der Tradition festhalten muss, in theoretischem Wissen kein Gegengewicht findet. Die Vorurtheile werden nur durch Aussicht auf pecuniäre Vortheile allmälig gebessert.
 
Es würde weit den Zweck dieser Mittheilungen überschreiten, wollten wir über die Details der Färbemethoden eingehender berichten. Wir beschränken uns darauf, die wichtigeren Droguen und Chemikalien bezüglich ihrer Anwendung anzuführen ; die primitiven Manipulationen des Färbens der Garne bedürfen keiner besonderen Erläuterung.
 
Der Krapp oder Färberröthe, die Wurzel von Rubia tinctorium, deren Anbau in Europa durch die Einführung des künstlichen Alizarins fast ganz an Bedeutung verloren hat, spielt in der Färberei Kleinasiens noch eine grosse Rolle. Der Krapp wird in der Levante in bedeutenden Mengen gebaut und führt den Namen „Alizari" oder „Lizari". Die mit demselben erzeugten Farben zeichnen sich durch grosse Echtheit aus; man beizt die Wolle mit Alaun, Weinstein, öfter auch unter Zusatz von Zinnsalz (salzsaurem Zinn) oder Zinnchlorid und färbt mit Krapp. Um mehr gelbrothe Nuancen zu erhalten, setzt man (Curcuma zu; soll das Roth feuriger werden, so wird nach dem Beizen mit Alaun, Weinstein und etwas Zinnsalz mit Krapp und Cochenille gefärbt. In manchen Fällen, nach alter Methode, wird die Wolle nur mit Alaun gebeizt und mit Krapp gefärbt. Man versteht es, mit dem genannten Farbstoffe braune und violette echte Farben durch Beizen mit Alaun und Eisenvitriol, respective mit letzterem zu erzeugen, und hat gelernt, die Krapp-Cochenille-Combinationen (Alaunbeize und Eisenvitriol, für sich oder gemengt) mit Theerfarben (Fuchsin etc.) zu übersetzen. Der Krapp spielt nicht nur bei der Herstellung der „Garance-("Cochenille", sondern überhaupt in  vielen „Grundfarben" eine grosse Rolle; „Alizari" ist in Anatolien ein billiges Färbematerial.  
 
 Wie schon erwähnt, gehört die Verwendung der Cochenille der neueren Zeit an ; sie wird für sich allein oder mit Krapp combinirt benützt. Als Beize dienen Alaun und Zinnverbindungen (Zinnsalz, „salpetersaures Zinn", Zinnchlorid, Scharlachsäure). Man gewinnt derart fleischfarbige , rosenrothe, carmoisinrothe , amaranthrothe, kirsch- und scharlachrothe Töne. Man combinirt, um orangerothe Nuancen zu erhalten, mit Curcuma etc. Die Cochenille wurde zuerst aus Marseille eingeführt. In Uschak, Gyordes und Kula sind die ersten Teppiche aus bloss mit Cochenille gefärbten Garnen erzeugt worden.
 
 Von natürlichen gelben Farbstoffen sind besonders zwei hervorzuheben: Curcuma und Kreuzbeeren, Die Curcumapflanze ist in China und Ostindien heimisch, die Wurzel derselben wird in Kleinasien mit dem türkischen Namen „Strtetscha" bezeichnet. Sie gilt als ein Hauptfarbstoff und wird zumeist zu Kombinationen angewendet; die mit Curcuma allein dargestellten Farben verblassen ziemlich rasch. Um mit Curcuma zu färben, lässt man die gemahlene Wurzel mit Wasser aufkochen; der Farbstoff färbt auch ohne Beizmittel. Den zweitwichtigsten Farbstoff bilden die im östlichen Teile Karamaniens, besonders in der Umgebung von Kaisarijeh heimischen Kreuzbeeren. Es sind dies die Früchte des Kreuzdornes (Rhamnus), und zwar die unter dem Namen levantinische Gelbbeeren in den Handel kommenden, welche kleiner sind und weniger Farbstoff als die persischen enthalten.
 
Während im Abendlande die Anwendung derselben in der Wollfärberei eine seltene ist, wird in Anatolien nicht nur Hochgelb) damit erzeugt (Alaun- und Zinnbeizen), sondern es dient der Farbstoff auch zur Herstellung matter, lichter Farbentöne und mit Curcuma und Indigo.
 
Färben von grauen und grauschwarzen Farben (mit Eisenvitriol) in Combinationen mit Krapp und gelben Farben zu dunklen Tönen, man benutzt auch die Valoneen als Zusatz bei sehr vielen Färbungen, besonders wenn Theerfarben zur Anwendung kommen ; es ist diese Anwendung als charakteristische zu bezeichnen.
 
Die Modefarben, durch die verschiedensten Combinationen erhalten, werden möglichst einfach hergestellt ; so färbt man beispielsweise Lachsfarbe (Salmon) bloss mit Krapp und Valoneen, mit Indigolösung und Krapp werden Hochbraun, Holzfarbe, Kamelfarbe etc. durch passende Zusätze von gelben oder orangen Theerfarbstoffen gewonnen u. s. w.
 
Farbhölzer und deren Extracte (Rotbbolz, Gelbund Blauholz) sind nicht in Anwendung. Das aus der Levante bezogene Catechu, welches sowohl in der Färberei (speciell loser Baumwolle) als im Drucke in Europa gleich anderen Catechusorten grosse Anwendung findet, wird wenig benützt, da die Methoden des Färbens mit Kupfersulfat, Kaliumbichromat sich nicht eingebürgert haben.
 
Überblickt man die ganze Art des Färbens, so findet combinirt für grüne Nuancen. Kreuzbeeren und Indigo (Indigoschwefelsäure) finden vielfach Verwendung für Mittelgrün ; man übersetzt diese Grundfarbe auch mit 'I'heerfarben (Jaune solide, auch Curcumein genannt, von  A. Poirrier und G. Dalsace, oder mit anderen gelben und orangen Azofarben). Von der Anwendung der Pikrinsäure ist man abgekommen.
 
Der Indigo wird durch Lösen in Vitriolöl in Sulfonsäure (Indigolösung) verwandelt und dient, unter Zusatz von Alaun, direct zum Färben der Wollgarne. Man rechnet auf lo Okka Wolle (i 2*9 /i^f) 40 — 80^ Indigo (0'6 Percent), gelöst in 200^ Vitriolöl, für lichte Nuancen, und beizt mit Alaun. Die Färbungen sind bekanntlich weit weniger echt als die mit der Indigoküpe erzeugten, aber leichter zu erhalten. Die grünen Farben werden mit Indigolösung und Curcuma oder Kreuzbeeren, oder Theerlarbcn erzeugt. Indigosulfonsäure und Curcuma geben satte Farben. Früher wurde Indigolösung und Pikrinsäure angewendet.

(Die Okka ist ein altes osmanische Gewichtseinheit: 1 Okka = 1282 g (Quelle). Das bedeutet wohl: auf 12,82 kg Wolle rund 40-80 g Indigo, gelöst in 200 g „Vitriolöl“ - das wären 0,3% reines Indigotin, ein Wert, der in der Praxis bestätigt wurde von M. Kurnaz, KOEK Karaman)
 
Die Smyrna-Galläpfel, weniger reich an Gerbsäure wie die Aleppo-Galläpfel, besonders aber die Valoneen, werden in bedeutenden Mengen von den Färbereien consumirt ; der selbst bereitete Extract dient nicht bloss zum...(?)
 
... man, wie sich die traditionellen Färbemethoden mit der Anwendung neuer Farbstoffe vequicken, wie mit den steigenden Geschmacksanforderungen der Teppicherzeugung in Kleinasien die Färberei Schritt zu halten sucht, daher Altes mit Neuem combinirt und, da dies ohne wissenschaftliche .Auswahl geschieht, auf Kosten der Farbenechtheit der Schönheit und der FarbcnzabI Rechnung zu tragen sucht. Bei dem Renommee und der Kostbarkeit der Smyma-Teppiche ist diese Wandlung nicht ohne Bedeutung. Dem Wunsche der Regierung, „Anilinfarben* nicht zu verwenden, kann die Industrie für die Dauer nicht entsprechen, und es wäre rationeller, statt dem Verbote, auf jene Methoden des Färbens mit Theerfarben hinzuweisen, welche in den grossen Teppichfabriken Oesterrcichs, Deutschlands etc. sich für kostbare Erzeugnisse derart eingebürgert haben, dass die Farbenechtheit abendländischer Waaren mehr Garantien bietet, als jene besitzen, welche in Kleinasien auf die oben skizzirte Art gefärbt werden. Das Ehrwürdige alter Methoden imponirt im berühmten alten Smyrna-Teppich - im neuen fehlt die alte und rationelle neue Art des Färbens.

Quelle:
"Oesterreichische Monatsschrift für den Orient"
Herausgegeben vom
K. K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUM IN WIEN.
R e d i g i r t von A. von S c a l a.
ACHTZEHNTER JAHRANG. 1892.
VERLAG DES K. K. OSTERR. HANDELS-MUSEUMS.
„Der ersten Lieferung ist eine mit Text-Illustrationen versehene Monographie über Smyrna-Teppiche aus der Feder des Herrn J. M. Stöckel in Smyrna beigegeben, welche das Ergebniss einer von dem Genannten im Auftrage des Handels-Museums unternommenen Studienreise nach denTeppichdistricten dieser kleinasiatischen Provinz bildet, die sehr ausführlichen Beschreibungen der einzelnen Farbentafeln wurden von Herrn Ür. Alois Riegl, dem Autor des bekannten Werkes „Altorientalische Teppiche", geliefert.“